Allgemeine Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßnahmen in den Rauhnächten

Früher war es selbstverständlich, dass gute und böse Geister allgegenwärtig waren und belohnt oder besänftigt werden mussten. In der Rauhnachtszeit, in der die Präsenz dieser Geister überhandnahm und überall Kräfte mit guten oder weniger guten Absichten wahrgenommen werden konnte, war es daher von großer Wichtigkeit, sich an allerlei Regeln zu halten, um schadlos durch diese Tage zu kommen.
Im Folgenden wollen Verhaltensregeln angeführt werden, die sich in vielen Gegenden überschneiden oder überregional auf eine ähnliche Weise bekannt sind.

• Nachts immer ein Licht im Fenster brennen lassen. Das Empfinden der Menschen gegenüber der Dunkelheit muss ein ganz anderes gewesen sein, als wir es heute bei uns nachvollziehen können. Die Dunkelheit gehörte wie selbstverständlich zum Leben und war nach Untergang der Sonne allgegenwärtig. Lichtquellen wie Kerzen oder Öllampen waren launisch und konnten leicht erlöschen. Zudem waren Wachs und Kerzen teuer und so konnte man es sich unter dem Jahr selten leisten, eine Kerze die ganze Nacht hindurch brennen zu lassen, nur um einen Raum zu erhellen. In den Rauhnächten allerdings stellten die Bauern Kerzen an alle vier Seiten ihres Hofes, in die Fenster des Wohnhauses und der Stallungen. Die Kerzen sollen die ganze Nacht hindurch brennen und auf diese Art allerlei Dämonen und Geister vom Haus fern halten. Wie unheimlich mag es gewesen sein, wenn der Wind die Kerzen zum Erlöschen brachte und man in der Dunkelheit das Licht erneut anzünden musste.

• Lärm oder Streitigkeiten sollten in dieser Zeit im ganzen Haus tabu sein. Dazu gehört auch das Knallen mit Türen oder der grobe und lärmerzeugende Umgang mit Gegenständen aus dem Haushalt. Zerbrechen gar Gegenstände, weist dies darauf hin, dass eine Trennung bevorsteht. Diese Regel steht im Kontrast zu der gezielten Lärmerzeugung in manchen Rauhnächten, zum Beispiel durch Böllerschießen oder Feuerwerk. Durch diese Praktiken sollten Dämonen vertrieben werden, Krach und Unfrieden im Haus lockt sie jedoch an. Schlägt die Tür durch einen Luftzug zu, hat man im Sommer mit einem Blitzeinschlag zu rechnen.

• Allgemein gelten die Rauhnächte als Still- oder Schweigenächte: Muss man husten oder niesen, sollte dies in ein Tuch oder zumindest mit fest vor den Mund gepresster Hand geschehen, um zusätzlichen Lärm zu unterdrücken.

• Nach Einbruch der Dämmerung sollte das Haus nicht mehr verlassen werden, da man sonst all zu leicht von Geistern und Dämonen davongezerrt werden kann.

• Während der Rauhnachtstage sollten keine fremden Tiere, so zum Beispiel streunende Hunde oder Katzen in Haus und Hof gelassen werden. Oftmals nehmen Hexen und Dämonen deren Gestalt an, um sich Zutritt zu einer Familie zu verschaffen und dort Streitigkeiten und Missstimmungen zu verbreiten. Bekreuzigt man sich dreimal vor einem verdächtigen Tier, löst sich dieses in Luft auf.

• Während der Rauhnächte darf man Bettler und Bedürftige nie abweisen, sondern sollte sie zu sich in die Stube nehmen und mit Speis und Trank bewirten, andernfalls erleidet man im neuen Jahr selbst eine Notsituation.

• Besen sollten immer in den Rauhnächten gebunden werden, dann schreibt man ihnen magische Fähigkeiten zu, zum Beispiel Krankheiten oder bösen Geistern „den Kehraus machen“ zu können.

• Alle Räder müssen stillstehen. Während den Rauhnächten sollte sich nur das Schicksalsrad drehen, um die Ordnung für das neue Jahr einzuleiten. Andere drehende Räder würden nur Chaos in diesen Prozess bringen. Also darf in dieser Zeit nicht gesponnen, gewaschen oder gemahlen werden. Zudem sagt man, dass man beim Spinnen von Garn das Böse mit in die neu entstehenden Kleidungsstücke verwebt und der künftige Träger auf diese Art mit Krankheiten geschädigt werden wird.

• Jede drehende Bewegung, selbst die des eigenen Körpers um die eigene Achse, ist zu vermeiden.

• Es sollte immer Ordnung gehalten werden. Unordnung und Dreck ziehen die schaurigsten Dämonen an und locken sie in die Stube.

• Zwischen Weihnachten und Neujahr sollte nicht gewaschen werden. Dies kann unmittelbar den eigenen Tod zur Folge haben.

• Jegliche Art von Glücksspiel ist in den Rauhnächten strengstens untersagt. Es gibt eine Vielzahl von Berichten und Erzählungen über ein unheimliches und jähes Ableben von Menschen, die sich dieser Regel widersetzten.

• Keine Betten sollen draußen gelüftet oder Wäsche im Freien getrocknet werden. Die umherziehenden Wilden könnten sich in den Teilen verfangen und auf diese Art mit ins Haus und sogar an den eigenen Körper gelangen und dort Krankheiten auslösen. Vor allem bei weißer Wäsche war besonders große Vorsicht geboten, da die dunklen Dämonen die helle Farbe nicht wahrnehmen können und sich im Flug darin festsetzen. Regional war die Gestalt des Vogels „Kräf“ (gleichbedeutend mit Krebs) bekannt, welcher sich auf die Betten setzte und die Mitglieder einer Familie gefährdete.

• Haare und Nägel sollen nicht geschnitten werden. Ansonsten kann man im neuen Jahr mit Kopfschmerzen, Haarausfall und Nagelentzündungen rechnen.

• Fehlende Knöpfe müssen umgehend ersetzt werden, ansonsten muss man im neuen Jahr mit Geldverlust rechnen.

• Streitigkeiten müssen bis spätestens zur Thomasnacht geklärt sein, ansonsten wird sich das Problem nie wieder lösen lassen.

• Wer während der Rauhnächte reichlich Nahrung zu sich nimmt, muss im neuen Jahr keine Hungersnot fürchten. Wird am Neujahrsabend Schweinefleisch mit Grünkohl verzehrt, hat man zudem im ganzen nächsten Jahr Glück zu erwarten.

• Hühner, die man mit Erbsen füttert, legen im neuen Jahr doppelt so viel.

• Jetzt ist die Zeit um Heilkräuter anzuwenden, sei es für die persönliche Gesundheit oder zum Ausräuchern der Stuben. In den Rauhnächten ist ihre Wirkung um ein Vielfaches verstärkt.

• Treffen sich Liebespaare in der Rauhnachtszeit besonders oft, verstärkt dies das Band zwischen ihnen.

• Gute Bauern erlauben dem Gesinde, die Rauhnächte in der warmen Stube auf der Ofenbank zuzubringen und die Speisen am Tisch mit den Bauersleuten einzunehmen und werden dafür mit Treue und Tüchtigkeit im neuen Jahr belohnt.

• Den Kehricht aus dem Haus und den Mist aus dem Stall darf man nicht vor die Türe werfen, sonst wirft man zugleich das Glück mit aus dem Haus.